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Wahrhaftigkeit

Stand Mai 2018

Zum wahrhaftigen Umgang mit unserer Geschichte:

Grundlage jeder Traditionsbildung muss der Wille zum wahrhaftigen Umgang mit den historischen Fakten sein. Oft wird die Geschichte unzulässig vereinfacht oder gar verfälscht, um eine Ideologie oder politische Auffassung zu stützen. Bei den folgenden Beispielen geht es jedoch eher um falsche “political correctness”. Das heißt: Man muss nicht bei jeder Gelegenheit beweisen, dass man zu den “Guten” gehört. Und man sollte sich nicht vor der Komplexität unserer Geschichte drücken und mit einfachen, bequemen Sichtweisen zufrieden geben. Manches ist nicht nur unter einem Blickwinkel erklärbar und pauschale Wertungen sind oft so einseitig wie ungerecht.

Auch wenn es nicht jedem Geschichts- und Traditionsinteressierten zugemutet werden kann, sich im Alltag eingehend mit den Details geschichtlicher Entwicklungen zu befassen: Offenheit gegenüber anscheinend widersprüchlichen Fakten, Erkennen eigener Wissensgrenzen und Zurückhaltung in der Bewertung von Personen und Vorgängen machen den Willen zur Wahrhaftigkeit aus.

Deutschland und England

Im Februar jeden Jahres gibt es in Dresden Demonstrationen wegen der alliierten Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg, die in der Stadt viele Opfer forderten. Dabei schwingt immer die Frage nach Kriegsverbrechen mit. Auch wenn man heute noch Rechtfertigungsversuche hören und lesen kann, die Frage ist beantwortet:

Die besonders von Großbritannien verfolgte Strategie forderte nachhaltige Luftangriffe gegen die Wohnviertel der Zivilbevölkerung, um deren Moral zu erschüttern und das Arbeitskräftepotential der Wirtschaft zu reduzieren. So verwendete man u.a. Luftminen mit ca. 1,5 to Sprengstoff, um die Gebäude eines Stadtteils “abzudecken” und diese dann mit kleineren (Brand-) Bomben (im Feuersturm) völlig zu zerstören. Zu solchen Taktiken waren die Luftstreitkräfte aller damaligen Kriegsparteien befähigt, aber Großbritannien hatte sie perfekioniert.  Dem verantwortlichen britischen Luftwaffengeneral “Bomber” Harris (“Dresden? Die Stadt gibt es nicht mehr.”) setzte man - und das ist schmerzlich - in London sogar ein Denkmal, das von der “Queen Mom” enthüllt wurde. Nicht weil es bei Angriffen auf militärische Ziele auch viele zivile Opfer gab, sondern weil massenhafte zivile Opfer - Männer, Frauen und Kinder - beabsichtigt waren, stellen diese Angriffe Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar.

Niemand sollte solche Völkerrechtsverletzungen gegen Kriegsverbrechen, die von Deutschland und in beschämendem Umfang auch von der Wehrmacht begangen wurden, aufrechnen wollen. Verbrechen bleibt Verbrechen und jedes zählt für sich. Aber dass die damaligen Kriegsgegner zu ihrem Verhalten stehen, darf man fordern. Die von Großbritannien gestiftete Turmspitze für den Wiederaufbau der Frauenkirche war hierfür ein willkommenes Zeichen.

Frankreich und Deutschland

Ein Bericht der Zeitschrift “Frieden” des Volksbundes rief die Bilder und Reden, die seinerzeit live im Fernsehen ausgestrahlt wurden, noch einmal ins Gedächtnis: Anlässlich der Gedenkveranstaltung “100 Jahre Erster Weltkrieg” am 03.08.2014 auf dem Hartmannsweilerkopf im Elsass trafen Staatspräsident Hollande und Bundespräsident Gauck zusammen. Es war eine schlichte, dennoch eindrucksvolle Gedenkfeier voller Symbolik, bei der junge Leute aus Frankreich und Deutschland mit einem Friedensappell hervortraten. Der Bedeutung dieses Gedenkens wird nichts genommen, wenn man aus den ansonsten treffenden Worten des Bundespräsidenten ein Zitat herausgreift:  “Nachdem Deutschland im Ersten und im Zweiten Weltkrieg Frankreich überfallen hatte, können gerade wir Deutsche diese Versöhnung (zwischen beiden Ländern) nur als Geschenk begreifen.”

Ja, im Ersten Weltkrieg hatte Deutschland Frankreich den Krieg erklärt. Aber zu Beginn des Zweiten Weltkriegs war es umgekehrt und von einem Überfall auf Frankreich kann keine Rede sein. Wer über den historischen Begriff “drôle de guerre” gestolpert ist, weiß vermutlich auch, wie es war: 1939 hatte Deutschland Polen angegriffen, Frankreich und Großbritannien - zuvor mit Polen verbündet - erklärten daraufhin Deutschland den Krieg. Man könnte spekulieren, inwieweit Hitler einen möglichen Konflikt mit Frankreich einkalkuliert hatte, im Gegensatz zu dem gänzlich ungewollten Krieg mit Großbritannien. Aber die Tatsache bleibt, dass Frankreich von der Wehrmacht erst “überrollt” wurde, als nach mehreren Monaten eine politische Konfliktlösung nicht zu erwarten war. (Ein aufschlussreicher Führerbefehl zur damaligen Situation wird unter anderem in der Wikipedia unter dem Begriff “drôle de guerre” zitiert.)

Historische Fakten korrekt zu verwenden ist immer besser, als sie zugunsten einer guten Absicht umzudeuten.

Türken, Armenier, Deutsche

Während des 1. Weltkriegs ist es im Osmanischen Reich 1915/16 zur Entrechtung und Vertreibung der armenischen Bevölkerung durch die türkische Mehrheit gekommen; schließlich kamen - geschätzt - bis zu 1,5 Millionen Armenier gewaltsam ums Leben. Ein von türkischer Seite vorgeschützter Anlass war deren angebliche Konspiration mit dem damaligen Kriegsgegner Russland. Allerdings wurden die christlichen Armenier schon zuvor jahrzehntelang drangsaliert. Die grausamen und systematischen Pogrome sind gut genug dokumentiert, um das Urteil “Völkermord” zu begründen. Die türkische Staatsmacht wehrt sich vehement gegen dieses Verdikt, kann es aber nicht durch historische Fakten entkräften. 

Es gehört indes zu den Reflexen unserer Innenpolitik, eine deutsche Mitverantwortung, Mitwirkung oder gar Mitschuld zu erkennen. So auch beim Genozid an den Armeniern. Zur Klarstellung: Das Kaiserreich hat die Verfolgung der Armenier nicht gewünscht, verabredet, gebilligt oder planvoll unterstützt. Richtig ist, dass die Gräueltaten von den Deutschen in der Türkei - auch damals ein Verbündeter Deutschlands - erkannt und nach Berlin gemeldet wurden. Die Reichsregierung wurde gedrängt, die Vorgänge international öffentlich zu machen und auf Mäßigung hinzuwirken. Reichskanzler von Bethmann-Hollweg lehnte dies ab, weil man den Bündnispartner nicht brüskieren wolle und man ihn noch “sehr brauchen werde”. 100 Jahre später wurde diese realpolitisch richtige Entscheidung von Bundespräsident und Bundestag moralisch verurteilt und öffentlich eine deutsche Mitverantwortung am Genozid behauptet. Dazu sollte man aber die Kriegssituation 1915/16 ansehen: Die sichere Sperrung von Versorgungs- und Verstärkungswegen durch die Dardanellen und im Schwarzen Meer war eine zwingende, strategische Voraussetzung für den frühen Friedensschluss mit Russland, der seinerseits massiv Kräfte für die verfahrene Lage an der Westfront freisetzen sollte. Die Türkei zu brüskieren, dadurch die eigene Position zu schwächen und noch mehr deutsche Opfer in Kauf zu nehmen, war keine vernünftige Option. Eine moralische Pose heutiger Politiker wie “damals hätten wir unseres reinen Gewissens wegen die Konsequenzen einer anti-türkischen Intervention Deutschlands hingenommen” ist nicht die Art von Anstand, die wir brauchen.

Aus der Nähe betrachtet, erscheint manches nicht so klar, wie immer in komplexen Situationen. So hatte Deutschland das Osmanische Reich schon vor dem Krieg als einen Eckpfeiler seiner Außenpolitik gewinnen wollen und daher wirtschaftlich, vor allem aber militärisch unterstützt. Die Erneuerung der Armee, die bis in die Militärmusik reichte, erforderte, dass viele deutsche Offiziere in die Türkei abgeordnet wurden und Schlüsselpositionen besetzten, beispielsweise im staatlichen Eisenbahnwesen. Ob sich aber Einzelne bei der Deportation von Armeniern schuldig gemacht haben, ist hier nicht zu klären. Anders als im Fall Liman von Sanders: Er war deutscher General, aus jüdischer Familie abstammend, von Kaiser Wilhelm II. geadelt, und mit der Führung türkischer Truppen im Westen betraut; einer der ihm unterstellten Kommandeure war der spätere Gründer der modernen Türkei Kemal Atatürk. Liman von Sanders hat in der Schlacht von Gallipoli gesiegt und damit erreicht, dass die Dardanellen und der Weg ins Schwarze Meer dem Zugriff der Kriegsgegner entzogen blieben. Nach dem Krieg wurde er beschuldigt, an der Vertreibung von Griechen aus Kleinasien und dem Vorgehen gegen die Armenier beteiligt gewesen zu sein. Dies ist historisch widerlegt; vielmehr hatte Liman von Sanders erfolgreich mit militärischen Maßnahmen gedroht, falls in seinem Bereich die Verfolgung der Armenier fortgesetzt wird. Solche Beispiele ändern jedoch nichts am Gesamtbild: Das von den Türken so genannte “armenische Problem” wurde mit solcher Entschlossenheit und Dynamik “beseitigt”, dass ein Eingreifen von außen nicht helfen konnte. Und was dem Einzelnen im Krieg vor Ort möglich war, scheint nicht so weit erforscht zu sein, als dass man daraus ein allgemeines Fazit ziehen könnte.

Es sprengt das Format einer kurzen historischen Anmerkung, wenn man erst grundlegende Zusammenhänge darlegen muss, um das Verständnis des Lesers zu erreichen. Dasselbe gilt aber auch für die öffentlichen Reden von Bundespräsident, Bundestagspräsident und Abgeordneten im Gedenken an die Verfolgung der Armenier vor 100 Jahren. Sie konnten die notwendige Vermittlung historischer Fakten und Zusammenhänge nicht leisten, denn in den Medien blieb von all dem übrig: Es gab einen türkischen Genozid an den Armeniern, heute nennen wir das auch so und wir sind mitverantwortlich. Man muss befürchten, dass dies von einem verschwindend kleinen Teil in unserer Gesellschaft verstanden wird - und dann mit einer gefährlichen Tendenz, nämlich eine moralische Verantwortung zu beschwören, nicht aber die realpolitische. Dabei unterhalten wir auch heute aus guten Gründen ständige, enge politische und wirtschaftliche Beziehungen zu Staaten, deren Zustimmung zur Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen ein Lippenbekenntnis ist und die systematisch Menschenrechtsverletzungen begehen. Von solchen Staaten sind wir abhängig, von deren Rohstoffen, von deren Kaufkraft, von deren strategischen Positionen.

Leningrad

Die Belagerung Leningrads (heute wieder St. Petersburg) wurde vom Bundespräsidenten wie auch im Deutschen Bundestag (08.05.2015) als “eines der größten Kriegsverbrechen der Wehrmacht” im Zweiten Weltkrieg bezeichnet, allerdings ohne dies zu erläutern. Bis zum Entsatz durch die Sowjetarmee dauerte sie 900 Tage und forderte viele Opfer (Prof. Winkler im Bundestag: 800.000 Tote, Wikipedia: 1,1 Millionen Zivilisten - ein deutlicher Unterschied, in der historischen Forschung aber keine ungewöhnliche Diskrepanz). Die genannte Bewertung ist politisch und bei Historikern weithin akzeptiert, man sollte sich ihr aber nicht ohne weiteres Nachdenken anschließen: Die Belagerung einer verteidigten Stadt mit dem Ziel der Kapitulation war völkerrechtlich erlaubt. Es gab vier Möglichkeiten zum Abbruch der Blockade:

1. Die Entscheidung Hitlers. Die Wehrmacht konnte dies nicht entscheiden. 2. Eroberung Leningrads. Dazu fehlten der Wehrmacht die Kräfte, sie waren durch den Vorstoß auf Moskau gebunden. 3. Kapitulation. Statt dessen haben die örtlichen Befehlshaber Leningrads 900 Tage lang Verluste von etwa 1.000 Menschen täglich in Kauf genommen (Kann man das als Heldenmut akzeptieren?). 4. Die Entscheidung Stalins. Er hätte zur Kapitulation auffordern oder frühzeitiger den Entsatz durch die Sowjetarmee anordnen können. In der damaligen strategischen Zwangslage entschied er sich zur Verteidigung Moskaus mit allen Kräften und überließ die Stadt im Kriegsverlauf über zwei Jahre ihrem Schicksal.

Dies allein der Wehrmacht anzulasten ist falsch. Das gilt vor allem mit Blick auf die Soldaten, die mit ihren Truppenteilen in der Belagerung eingesetzt waren und nicht wussten, was in der Stadt vor sich ging. Sie sind vor einer Pauschalverurteilung zu schützen.

Der russische Präsident Putin, aus Leningrad/St. Petersburg stammend, erwähnte 2018 während der Feiern anläßlich des Sieges über Hitler-Deutschland die von der Sowjetunion gewonnenen großen Schlachten, die er einzeln aufzählte und erst am Schluß ergänzte mit dem Hinweis auf das erfolgreiche Aufbrechen des Leningrader  Belagerungsrings. Man darf der russ. Führung zutrauen, dass sie den Verlauf des Krieges zutreffend beurteilt, und es besteht auch für uns kein Grund, strategische Fakten zu ignorieren.

Anmerkung zu strategischen Entscheidungen und ihren Konsequenzen: Die Schlacht bei Verdun im 1. Weltkrieg dauerte 300 Tage und forderte auf beiden Seiten insgesamt 300.000 Opfer, die fünfmonatige Schlacht an der Somme über eine 1 Million. In Stalingrad sollen im 2. Weltkrieg in vier Monaten etwa 700.000 Menschen umgekommen sein, die meisten davon sowjet. Soldaten. In beiden Weltkriegen stiegen die Opferzahlen in solchen einerseits regional begrenzten, andererseits lang andauernden, mit Härte geführten Kämpfen in sechsstellige Dimensionen - nach unserem heutigen Strategieverständnis nicht zu rechtfertigen, damals strategisches Kalkül und deshalb der obersten Führung, nicht der ihr unterstellten Truppe vorzuwerfen!

Deutsch-Südwest

Wegen der späten Reichsgründung 1871 und dem Verlust aller Kolonien als Ergebnis des Ersten Weltkriegs gehörte das Deutsche Reich kurze Zeit zu den Kolonialmächten. Diese Epoche dauerte bei anderen Nationen noch nach dem Zweiten Weltkrieg an. So verlor Frankreich Indochina (heute: Vietnam, Laos, Kambodscha) erst im Mai 1954 mit der Niederlage im Kampf um die Festung Dien Bien Phu. Im Algerienkrieg, einem von 1954 bis 1962 andauernden Bürgerkrieg, verlor Frankreich sogar einen Teil seines Staatsgebiets: Algerien war formal keine Kolonie, sondern französisches Département. Charles de Gaulle - General, im Weltkrieg Führer der franz. Exilregierung und ab 1959 Staatspräsident - schätzte die Entwicklung realistisch ein und verhandelte mit den Aufständischen einen vernünftigen Friedensvertrag, der heute eine konstruktive Nachbarschaft beider Länder ermöglicht. In einer Abstimmung, die de Gaulle in allen Kolonien ansetzte, konnten deren Bürger für den Verbleib bei Frankreich oder die Unabhängigkeit stimmen; damit war Frankreichs Kolonialzeit vorüber (Reste bestehen heute in Form der Übersee-Départements).

Die Geschichte von Belgisch-Kongo (heute Demokratische Republik Kongo) war von Brutalität gekennzeichnet und hatte tragische Konsequenzen. Die Kolonie war gegen Ende des 19. Jahrhunderts Privatbesitz des belgischen Königshauses geworden. Das Gebiet wurde konsequent ausgebeutet (vor allem Kautschuk-Gewinnung), die schwarzen Arbeiter waren Sklaven und wurden systematisch misshandelt. Anfang des 20. Jahrhunderts fielen Millionen Eingeborene den sogenannten “Kongo-Gräueln” zum Opfer. Trotz Vernichtung der (geschätzt) halben Bevölkerung des Kongo wird dies nicht überall als Völkermord bewertet:  Es sei nicht um die Auslöschung eines Volkes gegangen; das Vorgehen von Zivil- und Militärverwaltung des Kongo war so grausam, dass es zu den millionenfachen Opfern kam. Die internationale Empörung über die “Kongo-Gräuel” und steigender Druck aus der belgischen Politik zwangen den König zur Übergabe der Kolonie an den Staat. Die Verhältnisse am Kongo besserten sich daraufhin, blieben aber unzulänglich, ohne förderliche Perspektiven für Gesellschaft, Verwaltung und Wirtschaft. 1959 überließ Belgien die Kolonie sich selbst. Ungelöste Konflikte am Kongo und in der östlichen Nachbarschaft führten seither zu bewaffneten (auch grausamen ethnischen) Auseinandersetzungen.

Die Beispiele Algerien und Kongo vermitteln einen Eindruck von den unterschiedlichen Entwicklungen, Verhältnissen und Ergebnissen der Kolonialzeit. Ein umfassendes und weit vielfältigeres Bild entsteht, wenn man das British Empire, die Niederlande, Portugal, Spanien (hier gemeint: afrikanische Gebiete), Italien, die USA (einschließlich der Kolonisation des “Wilden Westen” bis 1890) und den japanischen Imperialismus (Eroberungskrieg auf dem asiatischen Festland) hinzunimmt. Die Politik aller Kolonialmächte gründete auf der Überzeugung von eigener Überlegenheit und einer damit verbundenen Berechtigung, sich gegen fremde Völker mit Gewalt durchzusetzen. Es ging um Machtpolitik und Gewinnstreben, meist unterstützt von rassistischen, religiösen und kulturellen  Auffassungen: Man kolonisierte, weil man es konnte und hoher Zugewinn an Einfluss und Wirtschaftskraft lockte. Die Politik des Deutschen Reiches gegenüber Afrika folgte denselben Antrieben, so auch in Deutsch-Südwest (heute Namibia).

Die dortige Lageentwicklung während der Kolonialzeit Deutschlands war kompliziert und für die schwachen deutschen Kräfte eine tägliche Herausforderung, schon wegen der natürlichen Gegebenheiten (Entfernung der Kolonie vom Mutterland, Wüstengebiete, schwierige Landwirtschaft, rudimentäre Verkehrswege und Kommunikationsmöglichkeiten). Die größte Gruppierung Einheimischer, mit der es die Kolonialverwaltung zu tun hatte, war das Volk der Herero. Deren Stärke in Deutsch-Südwest wird auf nicht mehr als 80.000 geschätzt. 1904 lehnten sie sich mit Waffengewalt gegen die deutsche Besiedlung und Wegnahme von Land auf, die mit zunehmender Entrechtung und Drangsalierung einherging. Die Herero setzten den Deutschen stark zu. Nach dem Eintreffen von Verstärkungskräften war die deutsche Reaktion hart: Die Aufständischen wurden aus ihren Gebieten in die lebensfeindliche Wüste Namib getrieben. Dies gipfelte in der Proklamation des militärischen Befehlshabers, von Trotha, dass alle Herero auf deutschem Gebiet erschossen werden - Männer, Frauen und Kinder - und dass ihr Volk bei Fortführung des Kampfes vernichtet wird. Allerdings wurde die Truppe in einem internen Befehl angewiesen, nicht auf Frauen und Kinder zu schießen. Trotha meinte es indes ernst mit der vollständigen Vertreibung aus deutschem Gebiet und der Drohung, die Herero gegebenenfalls ganz zu vernichten.

Obwohl nach der Gründung des Roten Kreuzes (1863) mit der Ersten Genfer Konvention schon völkerrechtliche Regeln für die Kriegführung vereinbart worden waren, gab es international wie national kein  allgemeines Verständnis davon, wo die humanitären Grenzen eines militärischen Vorgehens liegen. Trotha hatte in den Augen vieler solche Grenzen erst überschritten, als er die Herero in der Wüste Namib verfolgte und ihre Lebensgrundlagen vernichtete, indem er Zug um Zug die Wasserversorgung zerstörte. Dadurch und durch die vorherigen Kampfhandlungen kamen Zehntausende (bis zu 60.000?) ums Leben.

Trotha hatte gegen den Willen der zivilen Verwaltung in Deutsch-Südwest (Gouverneur Leutwein) gehandelt, die sich die Herero in der Wirtschaft zunutze machen wollte, wozu letztlich eine Verhandlungslösung nötig gewesen wäre. Auch die deutsche Reichsführung - Kaiser, Regierung und Reichstag - hat das extreme militärische Vorgehen gegen die Herero nicht gebilligt. Als Radikalität und Ausmaß der Verfolgung in Berlin bekannt wurden, führte die politische Auseinandersetzung darüber zur Aufhebung der Proklamation Trothas, dessen Abberufung und in der Folge zu einer gemäßigteren Bekämpfung des Aufstandes.

Der deutsche Kampf gegen die Herero wird heute als “erster Genozid des 20. Jahrhunderts” bezeichnet. In dieser Formulierung schwingen politische Sichtweisen mit, die undifferenzierte historische Bewertungen Deutschlands nahelegen. Im Gegenzug kann man lesen, dass “Völkermord” und “Verbrechen gegen die Menschlichkeit” seinerzeit vom Völkerrecht noch gar nicht erfasst wurden. Aber: Weder politisch motivierte Verallgemeinerungen noch formalrechtliche Einwände wären hier akzeptabel. Es gab 1904 einen Völkermord an den Herero und zwar unter deutscher politischer Verantwortung; er war jedoch kein strategisches Ziel der deutschen Reichsführung, sondern Folge des durch den Militärbefehlshaber geführten Kampfes. Die lockere Kontrolle der Kolonialtruppen durch die Reichsführung war wiederum eine Konsequenz  unzulänglicher Führungsmittel und -verfahren; “zuhause” hatte man kein verlässliches Lagebild und es stammte hauptsächlich vom militärischen Befehlshaber selbst. Die beschränkte Führungsfähigkeit erforderte zwingend, den Militärbefehlshaber von vornherein mit klar umrissenen Befugnissen und eindeutigen Vorgaben auszustatten. Trotha handelte jedoch in einem Umfeld (treffender englischer Ausdruck “permissive environment”), das ihn an Notwendigkeit und Zulässigkeit seines Vorgehens nicht mehr zweifeln ließ: Im Großen wurde es maßgeblich bestimmt von  der allgemein akzeptierten Kolonialpolitik gegenüber Afrika (siehe oben) und im Kleinen vom Unvermögen der Reichsführung, das militärische Vorgehen in Deutsch-Südwest zu steuern.

Die Kampfführung der deutschen Kolonialtruppen gehört zu den Gründen, warum die kaiserliche Armee als Institution für die Bundeswehr nicht traditionsgebend sein kann, wohl aber persönliches Vorbild oder ein beispielhafter Vorgang aus der Zeit (siehe entsprechende Anmerkungen in Tradition heute - was geht?, Wilhelm Frankl).