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Traditionspflege der Streitkräfte

Vorbemerkungen

Januar 2019: Diese Seite ist eine “Beta-Version”, denn Traditionspflege umfasst den praktischen Umgang mit  der historischen Überlieferung und zeigt sich vielfältiger als das Thema Traditionsbildung. Beide gehören aber zusammen: Traditionen, die sich bilden, sind nichts wert, wenn sie nicht gepflegt, nicht praktiziert werden. Dies gilt auch für die Tradition der Streitkräfte, auf die sich die MöldersInfo hauptsächlich richtet. Der neue Traditionserlass für die Bundeswehr (siehe Neue Tradition?) muss sich als Grundlage für eine lebendige Traditionspflege erst noch bewähren; allerdings findet Traditionspflege - mit oder ohne Erlass - immer statt, wenn und wo ein Bedürfnis dafür besteht.

Traditionsbestand der Bundeswehr

Es gibt einen großen Traditionsbestand für die Bundeswehr als Ganzes. Dazu gehören bekannte Symbole, beispielsweise das Eiserne Kreuz, die Farben Schwarz-Rot-Gold, die Inschrift auf dem Koppelschloss “Einigkeit, Recht, Freiheit” und sogar der (von den Janitscharen übernommene) Schellenbaum der Musikkorps. Sie gehen hauptsächlich zurück auf das 19. Jahrhundert - so auf die Befreiungskriege Anfang des Jahrhunderts und auf das Streben nach nationaler Einheit und demokratischer Mitwirkung der Bürger in den Jahrzehnten danach. Besonders das oft verwendete Eiserne Kreuz  besitzt über seine militärische Bedeutung hinaus Traditionswert als Zeichen eines starken bürgerlichen Patriotismus: Zur Kriegsfinanzierung spendeten die Bürger ihr Gold und erhielten dafür Schmuck aus Eisen (“Gold gab ich für Eisen”), entsprechend bescheiden sollte der materielle Wert des vom preußischen König gestifteten Ordens sein. Diese Symbole sind im Dienst wie beim Auftreten in der Öffentlichkeit stets sichtbar. Ihre Bedeutung wird in der Bundeswehr vermittelt.

Starke Symbolwirkung entfaltet immer wieder der ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert stammende Große Zapfenstreich. Er wird bei besonderen Anlässen gespielt und verweist nicht nur auf unsere lange Militärgeschichte, sondern mit dem gemeinsamen Gebet auch auf die notwendige ethische Bindung der Soldaten und die christliche Tradition Deutschlands. Er unterstreicht mit den verwendeten historischen Signalen sowie dem Exerzieren der Truppe Zusammenhalt und Disziplin, die in den Streitkräften herrschen müssen. Obwohl der Große Zapfenstreich nach Inhalt und Form ein aufschlussreiches Traditionselement ist und ganz in unsere Gegenwart passt, wurde er als unnötiger Pomp und aus “vordemokratischer Zeit” stammend kritisiert. Das ist politischen Vorbehalten gegenüber unseren Streitkräften oder der Geringschätzung ihres Dienstes zuzuschreiben. Aber die Truppe braucht solche identitätsstiftende Möglichkeit, sich öffentlich zu zeigen, und  militärische Führung wie politische Leitung können darauf nicht verzichten.

Es gehört zu den guten Gepflogenheiten der Bundeswehr, zu militärischen Anlässen und Veranstaltungen zivile Bürger einzuladen. Das ist in der Militärgeschichte gewiss nichts Neues, geschieht bei der Bundeswehr aber bewusst und regelmäßig. Die Streitkräfte geben damit Einblick in den militärischen Dienst - z.B. wenn bei einem feierlichen Appell der Kommandeur zu seiner Truppe spricht - und sie unterstreichen ihr Selbstverständnis als Teil der Gesellschaft. Bei solchen - und vielen weiteren - Gelegenheiten legen sie gegenüber den Bürgern zwar keine Rechenschaft in rechtlichem Sinne ab, zeigen aber ihre Haltung und Leistungsfähigkeit. Das Leitbild vom Staatsbürger in Uniform, ein Kernbestandteil der militärischen Nachkriegstradition, bezieht sich nicht bloß auf den einzelnen Soldaten, sondern drückt sich auch im Auftreten und Verhalten von Truppenteilen aus.

Dagegen wurde bei der Entfernung von Werner Mölders aus der Bundeswehrtradition im Jahr 2005 verstoßen: Grundlage hierfür war eine Weisung des Verteidigungsministers, der gegenüber der Witwe Mölders ausdrücklich versichert hatte, dass es allein um die Befolgung eines Bundestagsbeschlusses von 1998 gehe und keine in der Person ihres Mannes liegenden Gründe gebe. Letzteres erfuhren die Bürger zunächst nicht: Um den Namen aus der Tradition zu tilgen, wurde für das - von der Ministerweisung praktisch allein betroffene - Jagdgeschwader 74 ein militärischer Appell angesetzt und zwar unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Unmittelbar danach haben Angehörige der Ministeriumsleitung Mölders öffentlich diffamiert, um dessen Entfernung aus der Tradition zu rechtfertigen (siehe Dossier). Parteipolitik!

Der militärische Widerstand gegen Hitler und sein Regime gehört zur Tradition der Bundeswehr. Der sogenannte “Aufstand der Offiziere” wird als ethisch-moralische Orientierung begriffen und im Rahmen der Inneren Führung gewürdigt. Militärischer und ziviler Widerstand gegen den Nationalsozialismus sind zusammen Teil unserer nationalen Tradition; die Bundeswehr gliedert sich hier ein.

Ein diskussionswürdiger Punkt ist das jährliche öffentliche Gelöbnis am 20. Juli, das in der Tradition des Widerstands stattfindet. Aus welchem Grund: Ist der Dienst in unserer gefestigten Demokratie nahe an den ethisch-moralischen und humanitären Grenzen, die der NS-Staat überschritten hat? Oder die Bundespolitik, so dass man die Soldaten warnen muss? Reicht der Bezug auf das Grundgesetz nicht aus, z.B. auf das dortige Verbot des Angriffskriegs und den Vorrang der allgemeinen Regeln des Völkerrechts vor den Gesetzen?  Die Diskrepanz zwischen der Gewissensnot, die Wehrmachtoffiziere am 20. Juli 1944 zum Aufstand führte, und dem Dienst heute ist einfach zu groß.

Tradition in den Bundesländern

Der Föderalismus hat sich in Deutschland über Jahrhunderte entwickelt; abgesehen von der Zeit des Nationalsozialismus gab es hier kein so ausgeprägt zentralistisches Herrschaftssystem wie beispielsweise in Frankreich. Selbst nach der Reichsgründung 1871 blieben bis zum Ende des 1. Weltkriegs 1918 die existierenden Fürstentümer erhalten, sogar - unter dem deutschen Kaiser - die drei Königreiche Sachsen, Württemberg und Bayern. Die Fürstentümer unterhielten z.T. eigene Streitkräfte mit unterschiedlicher Eigenständigkeit. Das bayerische Königreich verfügte über eine starke, zu selbständigen Operationen befähigte Armee. Sie war innenpolitisch ein Integrationsfaktor für den Zusammenhalt der bayerischen Gesellschaft (Altbayern, Schwaben, Franken, Rheinpfalz, Oberpfalz); im Kaiserreich  demonstrierte sie die Bedeutung Bayerns für die Reichspolitik.

In den Bundesländern haben sich militärische Traditionen nicht einheitlich erhalten, oft scheinen sie verloren zu sein. Besonders schwierig ist die regionale Pflege preußischer Traditionen, nachdem der preußische Staat seit 1945 nicht mehr existiert. Anders in Bayern: Abgesehen von der Abgabe der Rheinpfalz 1946 (jetzt Teil von Rheinland-Pfalz), ist das heutige Bundesland territorial fast deckungsgleich mit dem früheren Königreich und die Erinnerung an das Königtum, einschließlich der damals regierenden Wittelsbacher, lebt weiter. Sie vermittelt das gleiche Lebensgefühl wie die heutigen bayerischen Slogans “leben und leben lassen” oder “Laptop und Lederhose” (den Laptop gab es noch nicht, wohl aber fortschrittliche Stadtentwicklung, Wissenschaftsförderung und moderne Industrie). Damit werden die schweren und katastrophalen Zeiten zwischen 1918 und 1945 gewissermaßen übersprungen - Kritiker werten dies als Verdrängung des politischen Versagens in der Weimarer Politik und der NS-Verbrechen danach, übersehen aber dass Traditionsbildung das Wertvolle aufgreifen soll: Sie muss positiv motivieren.

Die bayerischen Militärorden gehören zur Tradition des Landes.

  • Der Militär-Max-Joseph-Orden wurde 1806 vom König gestiftet und an Offiziere verliehen. Seine Statuten machen ihn zu etwas Besonderem:  Voraussetzung für die Verleihung war, dass der Offizier mit Initiative oder persönlicher Tapferkeit zum militärischen Erfolg beigetragen hat und zwar jenseits der ihm übertragenen Aufgaben bzw. Verantwortung. Dabei durfte der Erfolg, so heben es die Vorschriften hervor, nicht mit großen Verlusten bei den Unteroffizieren und Mannschaften erkauft worden sein - ein gültiger Maßstab auch für das soldatische Ethos der Bundeswehr (Parallele zur Traditionswürdigkeit  von Werner Mölders: siehe Traditionswürdig - Offizier im Krieg.)!
  • Die bayerische Tapferkeitsmedaille wurde schon 1794 gestiftet und nur an Unteroffiziere und Mannschaften verliehen - auch dies fortschrittlich und seinerzeit nicht selbstverständlich.

Am sogenannten “Leibertag”, dem Gedenken an das Bayerische Infanterie-Leibregiment, wird jährlich im Schloß Schleißheim auch das “Ordensfest” begangen, eine öffentliche Veranstaltung der bayerischen Staatskanzlei zusammen mit Reservisten-, Soldaten- und Traditionsverbänden sowie dem Landeskommando der Bundeswehr. Regelmäßig ist das Haus Wittelsbach dabei vertreten. Zeitgeschichtliche Vorträge, auch durch das ZMSBw, befassen sich mit dem heutigen Traditionsverständnis.

Hamburg erinnert gern an seine Bedeutung als führende Hansestadt im Mittelalter. In der Hanse, deren Wirken sich über ein halbes Jahrtausend erstreckt, ging es vor allem um Handel und wirtschaftlichen Erfolg, als Voraussetzungen hierzu um Rechtssicherheit, vereinbarte politische Zielsetzungen und natürlich Sicherheit der Handelswege, sowohl im deutschen Reich als auch in Europa. Was die Hanse mit ihren vielen Mitgliedsstädten zuwege gebracht hat, gehört zu den großen Leistungen in unserer Geschichte. Die Sicherung von Küsten und Seewegen war dabei eine der Herausforderungen, die - wie heute - in politischer Allianz und mit vereinten Kräften bewältigt werden mussten. Dies gehört zu den ältesten Teilen unserer Militärgeschichte und -tradition.

In Hamburg  spürt man die Wertschätzung für den 1918 dort geborenen, 2015 verstorbenen Altkanzler Helmut Schmidt.  Sie gilt seiner “hanseatischen” Haltung und politischen Leistung, wobei scharfer Intellekt und spöttischer Humor ihm bis ins hohe Alter öffentliche Aufmerksamkeit sicherten. Während der Traditionsdebatte 2017 (siehe Neue Tradition?) kam es dennoch zu der skurrilen dienstlichen Anordnung, ein Bild Schmidts in Wehrmachtuniform aus der nach ihm benannten Bundeswehruniversität zu entfernen! Dies wurde später zwar korrigiert, aber der Vorgang legt es nahe, den Altkanzler auch unter dem Blickwinkel militärischer Tradition zu sehen:

Schmidt gehörte zu einer Generation, die das “Dritte Reich” und den 2. Weltkrieg in Gänze erlebte; im Krieg war er als junger Offizier u.a. an der Ostfront eingesetzt. Sein späteres Engagement in der deutschen und internationalen Sicherheitspolitik wurzelt in den Einsichten, die er damals gewonnen hat. Der Militärdienst hat ihn besonders geprägt: Trotz Kriegserfahrung wurde ihm der Soldatenberuf nicht fremd und der Bundeswehr fühlte er sich persönlich verbunden - mancher erinnert sich an den spontan angesetzten Appell auf der Bonner Hardthöhe, bei dem er sich nach der Abwahl als Bundeskanzler von der Bundeswehr verabschiedete. Ein bisher einmaliges Zeugnis der Verbundenheit! Sein militärisch geschultes Führungsverständnis demonstrierte Schmidt als Hamburger Innensenator bei der Flutkatastrophe 1962, als er Bundeswehr und NATO-Streitkräfte anforderte und einsetzte. Als Verteidigungsminister organisierte er die Führung des Ministeriums neu - die damalige Lösung war der heutigen ebenbürtig - und als Bundeskanzler machte er intensiver vom Bundessicherheitsrat Gebrauch als die späteren Kanzler. Die Entscheidungen zum Einsatz der GSG 9 in Mogadischu, um die Geiseln an Bord der Lufthansa-Boeing “Landshut” zu befreien, sind ein weiterer Beleg für sein Führungsverständnis.

Am Beispiel Helmut Schmidts zeigt sich, dass militärische Tradition nicht auf die Streitkräfte verengt werden sollte. Er war im Krieg ein Soldat wie Millionen andere, als Politiker Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt über die Bundeswehr und als Kanzler wäre er im Verteidigungsfall ihr Oberbefehlshaber geworden. Der Politiker Schmidt war kein Soldat in Zivil, aber was Verantwortung und Führung bedeuten, war ihm seit Kriegstagen bewusst und er hielt sich daran, wie es das öffentliche Amt verlangte. Vor allem dies sollte in Erinnerung bleiben.

Tradition der Teilstreitkräfte

Die Teilstreitkräfte der Bundeswehr pflegen eigene Traditionen. So ist die Marine stolz auf die “erste deutsche Marine”, deren Aufstellung vom Deutschen Bund 1848 beschlossen worden war und unter der schwarz-rot-goldenen Flagge fuhr. Ihre Kampfkraft war zwar bescheiden und blieb hinter dem maritimen Potential größerer Seemächte zurück. Ihre Gründung war aber nicht nur militärische Notwendigkeit, sondern auch Ausdruck nationaler Gesinnung im Deutschen Bund: Die Nachteile und Risiken seiner Unterlegenheit auf den Meeren wurden als Schmach empfunden, was politisch bis Anfang des 20. Jahrhunderts nachwirkte. Die schwarz-rot-goldene Flagge wurde 1871 durch schwarz-weiß-rot ersetzt und wird erst seit Aufstellung der Bundeswehr wieder geführt. Ein besonderes Instrument der maritimen Traditionspflege sind die jährlichen HiTaTa (Historisch-taktische Tagungen) der Marine; der Begriff hat sogar Eingang in die Wikipedia gefunden. In diesen Tagungen, hauptsächlich für die Offiziere der Flotte, wird Seekriegsgeschichte nachgezeichnet und u.a. die Entwicklung maritimer Operationsführung analysiert. Die Entstehung der HiTaTa ist ein eigentümliches Stück Nachkriegsgeschichte; hier nur dieser Hinweis: Sie wurde von Anfang an nicht nur militärfachlich, sondern auch als Mittel gelebter Innerer Führung begriffen.

Die Luftwaffe kann sich nicht auf eine vergleichbare Historie stützen. Luftstreitkräfte haben zwar im ersten Weltkrieg Bedeutung erlangt, aber als eigene Teilstreitkraft wurden sie erst 1935 unter der Führung von Hermann Göring aufgestellt. Ihr wurde eine umfassende Zuständigkeit für die “dritte Dimension” zugewiesen; beispielsweise war ihr die Fallschirmtruppe unterstellt. Ein avantgardistischer Ansatz, der bei anderen Nationen keine Nachahmer fand und auch in der Bundeswehr nicht verwirklicht wurde!

Bis 1936 wurde die Luftwaffe nach den kriegstheoretischen Vorstellungen von General Wever geplant; sie sollte offensiv gegen die “Kraftquellen” des Gegners eingesetzt werden. Damit waren wichtige militärische Fähigkeiten, kriegsrelevante Infrastruktur und strategische Reserven gemeint; Letztere sollten am Erreichen des Gefechtsfeldes gehindert werden. Die Zivilbevölkerung mit ihren Lebensgrundlagen war kein strategisches Ziel, im Gegensatz zur Lehre des Italieners Douhet, nach der die Moral und der Durchhaltewille der Zivilbevölkerung gebrochen werden sollte. Dies wurde bei der Bombardierung deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg praktiziert (siehe Wahrhaftigkeit, Abschnitt “Deutschland und England”). 1937, nach dem Tod Wevers, änderte sich die Planung der deutschen Luftwaffe, nicht zuletzt aus Kostengründen, und ihr Schwerpunkt lag nun auf der Unterstützung der Landstreitkräfte. Die deutschen Luftstreitkräfte erlangten nicht die strategischen Fähigkeiten, die in Wevers Konzeption vorgesehen waren, bei den alliierten Kriegsgegnern jedoch realisiert wurden (dazu Anmerkungen zur Luftschlacht um England in Traditionswürdig - Offizier im Krieg). Bei der Aufstellung der Bundeswehr war der Luftwaffe neben der Luftverteidigung vor allem die Unterstützung der Landstreitkräfte auf dem Gefechtsfeld zugedacht (Himmeroder Denkschrift). Dies verkannte den rasanten technischen Fortschritt der Nachkriegszeit, der es zunehmend ermöglichte, den Gegner in der Tiefe des Raumes zu fassen und so seine Operationsfreiheit einzuschränken; mit Strahlflugzeugen dem einzelnen Panzer auf dem Gefechtsfeld “hinterher zu jagen” war kaum noch sinnvoll. Hinzu kam als neues Element die Option, Atomwaffen einzusetzen.

Die Luftwaffe schloss in ihren konzeptionellen Vorstellungen nach 1956 nicht an die Himmeroder Denkschrift, sondern  bei Wever an und setzte sich damit allmählich durch. Das war eine Konsequenz aus dem Wechsel der NATO-Strategie von “massiver Vergeltung” zu “flexibler Reaktion” (1966/67), der von den Luftstreitkräften Fähigkeiten forderte, die auch Wever geplant hatte. Und es war die logische Folge der direkten Unterstellung aller Luftwaffen-Kampfverbände unter NATO-Kommando; damit verbunden war die Forderung an Deutschland, adäquate Kräfte zur Verfügung zu stellen. Sogenannte strategische Kräfte, z.B. schwere Bomber, wurden zwar nicht beschafft - sie werden nötigenfalls durch verbündete Luftstreitkräfte eingesetzt -, aber die Ausrichtung der Luftwaffe auf ein breites Aufgabenspektrum schaffte Flexibilität zur Krisenbewältigung und für die Bündnisverteidigung.

Das Ringen um die Rolle von Luftstreitkräften in Krise und Krieg hat die alte und die neue Luftwaffe wesentlich geprägt. Nach dem Krieg ist ein modernes Verständnis von Luftkriegsoperationen entstanden, das die Luftwaffe z.B. an der Führungsakademie der Bundeswehr vermittelt und in der NATO mit den Verbündeten fortentwickelt. Der Anspruch, an der Spitze dieser Entwicklungen mitzuwirken, ist ein Hauptbestandteil ihres Selbstverständnisses.

Der Blick von innen und von außen erzeugt zwei verschiedene Bilder. 2006 wurde das 50-jährige Bestehen der Luftwaffe von Verteidigungsminister Jung in einer Rede gewürdigt. Bei solcher Gelegenheit sollte naturgemäß deren Entwicklung und Leistung aus fünf Jahrzehnten im Vordergrund stehen, zumal grundlegende Fähigkeiten der Luftwaffe erst in diesen Jahren entstanden sind - beispielsweise mit der starken Flugabwehrraketentruppe, die es vorher gar nicht gab. Hingegen führte der Minister als prominentesten Punkt aus, dass die Luftwaffe in den 30er Jahren von der nationalsozialistisch dominierten Führung “geschaffen, gefördert und später zugrunde gerichtet worden” sei. Es sei offensichtlich, dass schon aus diesem Grunde die heutige Luftwaffe in ihrer Tradition nicht bruchlos an ihre Vorgängerin anschließen kann. Das wird nicht bestritten, trifft aber für alle Teilstreitkräfte zu: Nicht nur die Luftwaffe, die gesamte Wehrmacht ging 1935 aus der Reichswehr hervor und wurde fortan gefördert!

Immerhin würdigte Jung “die kriegsgedienten Soldaten der alten Luftwaffe, die von 1956 an die neue Luftwaffe aufbauten.” Diese Aufbaugeneration habe die entsetzliche Erfahrung gemacht, mit größter Tapferkeit einem verbrecherischen System “zu lange treu gedient” zu haben. “Zu lange” wörtlich verstanden: Ist diesen Luftwaffen-Soldaten vorzuhalten, dass sie nicht kollektiv in den Widerstand gegangen oder desertiert sind? Welche Skepsis gegenüber der heutigen Luftwaffe drückt sich hier aus - weil Göring als zweiter Mann im NS-Regime den Oberbefehl über die damalige Luftwaffe hatte, seine Position mit Glanz und Gloria zelebrierte und besonders die Jagdflieger für die Propaganda missbrauchte? Das wäre absurd. Aber man merkt, dass Jung in eingefahrenen Denkweisen stecken blieb.

Sein abschließendes Lob war zwar richtig, aber recht allgemein: 50 Jahre erfolgreiche Auftragserfüllung “zum Schutz Deutschlands als freiheitlicher, demokratischer Rechtsstaat rechtfertigen es, mehr und mehr auch auf die eigenen Erfolge zurückzublicken - dazu gehören vor allem das glückliche Ende des Kalten Kriegs und die deutsche Einheit.” Der Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt Jung hat mit seiner Rede die Öffentlichkeit politisch (und rückwärtsgewandt) angesprochen. Zur Traditionsbildung und -pflege der Luftwaffe, zu ihrem Selbstverständnis als moderne Luftstreitkräfte hat er nicht beigetragen.

Mit dem Fall Mölders und der jetzigen Debatte über die Benennung von Kasernen nach ehemaligen Fliegeroffizieren stand und steht die Luftwaffen-Tradition in der Kritik. Auch Heer und Marine ergeht es so und Umbenennungen sind dort in einer Reihe von Fällen erfolgt. Die “Bereinigung” der Tradition durch Tilgung von Namen erscheint als einfacher Ausweg, um unerwünschte politische Diskussionen zu beenden. Es ist falsch und schadet der Moral der Truppe, wenn dies ohne solide historische Begründung angewiesen wird. Dabei garantieren die üblichen Kurzgutachten aus dem früheren MGFA, heute ZMSBw, nicht die Entscheidungssicherheit, die für Eingriffe in den bisherigen Traditionsbestand nötig ist - eine nicht nur in der MöldersInfo öffentlich geäußerte Kritik (siehe Dossier und Diskussionen im Blog “Augen geradeaus!”). Wenn sich erweist, dass ein Namensgeber nicht den Anforderungen des Traditionserlasses genügt und dies überzeugend vermittelt wird, werden politische Leitung und militärische Führung auf Einsicht und Akzeptanz der Truppe rechnen können - aber nur dann.

Die Traditionspflege der Steitkräfte findet großenteils - vielleicht sogar größtenteils - außerhalb der militärischen Organisation statt, normalerweise jedoch im Zusammenwirken mit den militärischen Dienststellen. In der Luftwaffe gibt es wie in den anderen Teilstreitkräften viele Vereinigungen, die sich in unterschiedlicher Weise der “großen” oder “kleinen” Tradition annehmen. Dies reicht von lockeren Gemeinschaften ohne Vereinsstatus und ohne WebSite bis zu gut organisierten eingetragenen Vereinen mit eigener militärhistorischer Arbeit und starkem Internetauftritt. Vielfach wirken sie in die zivile Gesellschaft hinein; einige pflegen internationale Verbindungen. Allen gemeinsam ist, dass die Kriegsgeneration in ihnen keine aktive Rolle mehr spielt - die Biologie wirkt! Gleichwohl existieren weiterhin Gemeinschaften, die mit der Initiative von Kriegsgedienten gegründet wurden, naturgemäß mit zeitgemäßen Anpassungen und stärkerem “Erbe” der ersten Bundeswehr-Generationen.

Zu den herausragenden, bundesweit organisierten Vereinigungen gehört die Gemeinschaft der Flieger deutscher Streitkräfte (früher: Gemeinschaft der Jagdflieger), deren Namenswechsel nicht nur eine Verbreiterung ihrer Mitgliederbasis erkennen lässt. Sie hat sich auch den Fliegern der Nationalen Volksarmee geöffnet - unter denselben Kriterien, die für “westliche” Mitglieder gelten. In früheren Jahrzehnten bot die Gemeinschaft den jüngeren Mitgliedern Gelegenheit, hervorragende Fliegeroffiziere der alten Luftwaffe persönlich kennenzulernen. Geschichte wurde gewissermaßen im “Originalton” vermittelt, eben durch Zeitzeugen und nicht nur nach Aktenlage. Diese Überlieferung wird in der Gemeinschaft verfügbar gehalten. Bei ihren jährlichen Zusammenkünften kommen auch grundlegende Themen der Traditionsbildung und -pflege auf die Tagesordnung. Siehe dazu die Rede von Generalleutnant a.D. Bernhard über Erinnerungskultur (2009, Rede_Friedrichroda).

Eine jüngere, erst vor wenigen Jahren gegründete Traditionsgemeinschaft ist aus der Flugabwehrraketentruppe hervorgegangen. Sie sieht sich zwar in der Nachfolge der früheren Flugabwehrtruppen, aber die von ihr gepflegte Überlieferung ergibt sich weitaus überwiegend aus der Nachkriegsgeschichte: Die technische Entwicklung erlaubte erst seit den 50er Jahren die fortschreitende Aufstellung von Raketenverbänden, die zum Schutz des gesamten eigenen Luftraums, gegen Angriffe aus allen Flughöhen und gegen alle Luftbedrohungen der Zeit eingesetzt werden konnten. Während des Kalten Krieges wurden diese Verbände unter NATO-Kommando ständig in hoher Bereitschaft gehalten. Sie gewährleisteten den “Grundschutz” vor Luftangriffen des Warschauer Paktes. Später ist die Abwehr ballistischer Raketen zum Aufgabenspektrum hinzugekommen. Die Gemeinschaft zieht ihr Selbstverständnis insbesondere aus der im Bündnisvergleich stets nachgewiesenen hohen Leistungsfähigkeit während des Ost-West-Gegensatzes, der hochentwickelten Raketenabwehr und aus den bisherigen Kriseneinsätzen.

Die Mölders-Vereinigung ist ein eingetragener Verein, deren Mitgliedschaft sich über das Bundesgebiet verteilt. Die Aberkennung des Traditionsnamens “Mölders” durch Verteidigungsminister Struck im Jahr 2005 war für das damalige Jagdgeschwader 74 ein schwerer Schlag und ging auch an der Vereinigung nicht spurlos vorbei. Ein Artikel aus der Geschwaderzeitschrift “Der Mölderianer” ist ein Indiz für den Nachhall dieser Entscheidung, fünf Jahre nach der Ministerentscheidung (siehe Der Mölderianer). Aber die Entscheidung Strucks, dass die bewährte Zusammenarbeit zwischen Geschwader und Vereinigung fortgeführt werden darf (siehe Dossier), wurde von beiden Seiten genutzt. Anders als der Vereinsname vermuten lässt, ist die Vereinssatzung nicht hauptsächlich auf die Pflege der Mölders-Tradition ausgerichtet, sondern auf die Unterstützung der Traditionspflege allgemein, den Zusammenhalt zwischen den Generationen der ehemaligen und aktiven Geschwaderangehörigen sowie auf die Stärkung der Verbundenheit zwischen Geschwader und Öffentlichkeit. So trägt die Vereinigung wesentlich zur Gestaltung der militärgeschichtlichen Sammlung des Geschwaders bei - der Hauptanteil der Exponate kommt längst aus der Bundeswehr-Zeit -, zur Führung der Geschwaderchronik und zur Herausgabe der Geschwaderzeitschrift “Der Mölderianer”.

Beim Heer gibt es eine große Zahl von Traditionsgemeinschaften, die sich der Erinnerung an die vielen im Zuge der Streitkräftereduzierungen aufgelösten Verbände und Großverbände widmen - wie bei Marine und Luftwaffe. Aus den Gemeinschaften der Truppengattungen (Artillerie, Panzertruppen, Infanterie ...) wird hier der Bund deutscher Pioniere e.V. herausgegriffen (www.bdpi.org), Beispiel für eine lebendige Vereinigung von Aktiven wie Ehemaligen, mit aufschlussreichem Internetauftritt, eigener Verbandszeitschrift und Öffentlichkeitsarbeit. Allerdings wirken sich auch beim BdPi Veränderungen aus  - militärische wie gesellschaftliche. So bewirkt der deutliche Rückzug der Bundeswehr aus der “Fläche”, dass in den davon betroffenen Regionen Nachwuchs schwer zu gewinnen ist und immer weniger Mitglieder für ehrenamtliches Engagement Verfügung zu stehen. In der Ulmer Pionierkameradschaft führte dies zur Frage der Vereinsauflösung; sie wurde endgültig beschlossen, als der bis dahin in der Kaserne genutzte Raum für die Unterbringung von Flüchtlingen gebraucht wurde und Ersatz nicht möglich war. Insoweit ein Einzelfall; aber: Jeder Verlust an bewährter militärischer Traditionspflege ist auch ein Verlust für die Stellung der Streitkräfte in der Gesellschaft.

Schlussbemerkungen

Das Kapitel Traditionspflege wird hier nicht erschöpfend behandelt. Es geht zunächst darum, schlaglichtartig einen Eindruck zu vermitteln, wie Traditionspflege der Streitkräfte aussieht: Sie ist vielfältig, eher dezentral als “von oben” gelenkt, wird weitgehend privat wahrgenommen und ist dabei mehr Pflege von Kameradschaft und Zusammenhalt als historisches Seminar oder Bekenntnis, lässt Ideologien nicht aufkommen. Das Wichtigste: In den Streitkräften und den Traditionsgemeinschaften wird vor allem militärische Überlieferung gepflegt. Sie wird dort gewissermaßen “konsolidiert” und trägt so zum Selbstverständnis der Truppe bei, d.h. der gesamten Streitkräfte, von Teilstreitkräften, deren Truppengattungen oder Verbänden. Ein gesundes Selbstverständnis entsteht aber nur, soweit eine kontinuierliche, langfristige Entwicklung zugelassen wird und tagespolitischer Opportunität entzogen bleibt: Politische und gesellschaftliche Akzeptanz der militärischen Erfordernisse und Eigentümlichkeit des Soldatenberufs bestimmen den Geist der Truppe ebenso wie deren inneres Gefüge.