Web Design
Notizen

MV´s Notizen  

Einige Notizen werden in dieser Reihenfolge auf der Unterseite Gespeicherte Notizen aufbewahrt (2016/2017):

- Prof. Nolte/Historikerstreit

- Altbundespräsident Scheel

- Reichsbürger

- Altbundeskanzler Kohl ,

Flüchtlingskrise: “Wir schaffen das” - nur nicht in dieser oder der nächsten Legislaturperiode

Vorbemerkung (23.08.19): Die Migrationsproblematik bleibt dynamisch. Die bisherigen Erkenntnisse und Folgerungen, die hier beschrieben wurden, haben sich indes als stabil und weiterhin zutreffend erwiesen.

I. Laut BAMF gab es Ende April 2016 mehr als 1,5 Millionen Asylanten in Deutschland (abgeschlossenes und noch offenes Anerkennungsverfahren); damit hatte Deutschland in der EU die höchste Zahl an registrierten Flüchtlingen. Der Zustrom vor allem in der zweiten Hälfte 2015 überforderte die zuständigen Behörden (keine systematische Registrierung und sichere Identifizierung, schleppende Asylverfahren; Sicherheitsprobleme). Eine angemessene Unterbringung erwies sich als unmöglich (Standards, unerwünschte Gruppenbildung, unbegleitete Jugendliche). Es gab 2015 einen massiven Kontrollverlust des Staates, der 2016 mit großen, vor allem ehrenamtlichen Anstrengungen eingedämmt werden musste. Die Folgen sind bis heute spürbar und schlagen sich in Wahlergebnissen nieder (Unsicherheit, ob alle Flüchtlinge erfasst und richtig identifiziert wurden; Kriminalität und Radikalisierung junger Migranten; Angst vor weiteren Migrationswellen und Überfremdung).

Die administrative Überforderung von 2015 ist Geschichte, die Bewältigung der jährlichen Zuwanderung von Flüchtlingen nach Deutschland bleibt jedoch eine Großaufgabe und Herausforderung. Erhebliche Defizite gibt es dabei im Vollzug geltender Regelungen bzw. von Bescheiden in Asylverfahren (Letzteres z.B. in der Zuständigkeit von Ländern und Kommunen bei Abschiebungen); Verfahrens-/Vollzugsschwächen existieren weiterhin in der Kooperation der EU-Staaten. Solche Defizite sind vier Jahre “danach” kaum mehr akzeptabel, sie sind aber kein bestimmender Faktor für den jährlichen Umfang der Asylsuchenden. Anders sieht es für die bereits bei uns aufgenommenen Asylanten aus: Auch wenn 2015/16 keineswegs erledigt ist, kommt es immer mehr auf den laufenden, sich verstetigenden Zuwachs von Asylanten an. 2017 lag er netto mit etwa 160.000 in einem politisch als beherrschbar angesehenen Rahmen, 2018 mit 162.000 Asylerstanträgen netto wohl zwischen 140 - 150.000 (nach Abzug von Abschiebungen und anderen Rückführungen; genauere Zahlen schwer zu ermitteln, hier aber auch nicht nötig.). Etwa zwei Drittel davon gelten nicht als schutzbedürftig und müssten Deutschland verlassen, was sich als undurchführbar erweist. Aber: Wie mit jährlich zigtausenden abgelehnten Asylbewerbern umgehen, die absehbar “viele” Jahre hier bleiben? “Spurwechsel”? Lösungsbeitrag durch Fachkräfteeinwanderungsgesetz?.

Im 1. Halbjahr 2019 gab es etwa 73.500 Asylerstanträge (leichter Rückgang gegenüber 2018), wobei - ähnlich wie 2018 - mehr als ein Fünftel der Erstanträge für die in Deutschland geborenen Kinder von vorwiegend muslimischen Asylanten gestellt wurden. Der Anteil muslimischer Bürger in der Bundesrepublik steigt dementsprechend an, auch wenn die Zahl der Grenzübertritte von Asylanten nach Deutschland stagniert bzw. sich leicht rückläufig entwickelt.

Die berufliche Integration von  bisherigen und jährlich hinzukommenden Flüchtlingen - den Lebensunterhalt zu bestreiten ist Gradmesser des Integrationserfolgs! -  fordert eine große nationale Anstrengung, wobei es gelingen muss, sowohl den Zuwanderern als auch der sie aufnehmenden Gesellschaft eine positive Perspektive zu erhalten (Sprache, Ausbildung, Arbeitsmarkt), um unerwünschte Entwicklungen zu vermeiden (Ghettoisierung, Parallelgesellschaften, Kriminalität). Dabei ist bedenklich, dass die Integration früherer Generationen von Zuwandern nicht in vollem Umfang gelungen ist (Bildungsstand, Frauen, beruflicher Aufstieg, gesellschaftliche Desintegration bei nachfolgenden Generationen). Bei den arbeitsfähigen Flüchtlingen soll die Hälfte der seit 2016 Zugewanderten keinen Schulabschluss haben, an den unsere Berufsbildung sogleich anknüpfen könnte. Zur Zeit erreichen etwa 18% der Migranten auch hier keinen Schulabschluss (Quote fast das Dreifache von Nicht-Migranten). Für die Kinder der Flüchtlinge sind die Aussichten besser, da sie das deutsche Schulsystem durchlaufen.

Innerhalb eines Jahres (10/2017 bis 09/2018) sind lt. BA 119.000 Flüchtlinge in Arbeit (erster Arbeitsmarkt einschl. Selbständigkeit) und Berufsausbildung gekommen, davon nur 86.000 in sozialversicherungspflichtige Arbeit (Zahlen beziehen sich auf die acht signifikanten außereuropäischen Herkunftsländer). Von 2017 auf 2018 ist der Anteil sozialversicherungspflichtig beschäftigter Flüchtlinge (aus den acht Ländern) zwar um 8 Prozentpunkte gestiegen; die berufliche “Integrationsfähigkeit” lag jedoch im letzten Jahresvergleich bei insgesamt 95.000. Jedes Jahr mit einem weiteren hohen Zugang von Flüchtlingen schiebt den Integrationserfolg daher hinaus: Derzeit bleibt der Integrationserfolg hinter dem Bedarf zurück. Die Integration müsste für eine Reihe von Jahren verdoppelt werden, um den Bedarf der Vorjahre sowie den laufenden Zuwachs zu bewältigen.

Das von BA und BAMF veröffentlichte Zahlenwerk zur beruflichen Eingliederung der Flüchtlinge ist unübersichtlich, nicht durchgehend aktuell und gibt keine Antwort auf die Schlüsselfrage: Wie viel Berufsintegration werden wir in den kommenden Jahren leisten können und deckt sich dies mit dem von der Großen Koalition festgelegten Zielkorridor für die Zuwanderung von Flüchtlingen? Immerhin liegt eine aktuelle Zahl der bayerischen Staatsregierung vor: Im Mai 2019 waren 54.900 Flüchtlinge (aus den oben erwähnten acht Ländern) sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Mit einer wohlmeinenden Schätzung dürften es im Bund bis zu 350.000 sein. Dies unterstreicht die bisherigen Aussagen in der MöldersInfo. Für München gibt es eine Detailinformation zur Berufsausildung: Die Münchener Verkehrsgesellschaft bildet Flüchtlinge (mit Schul- bzw. akademischer Bildung, z.T. auch einer beruflichen Tätigkeit bereits in den Heimatländern) nach absolvierten Sprach- und Integrationskursen aus. In den Lehrgängen besteht ein Drittel die Prüfung im ersten Anlauf, beachtlich aber auch ein Hinweis auf den erforderlichen, enormen Aufwand.

II. Der Versuch, die Lasten der Flüchtlingswanderung durch verbindliche Verteilungsquoten in der EU zu mildern, scheiterte schon 2015 endgültig. Und in Deutschland bleiben Debatten über eine konsequente Abschiebung abgelehnter Asylsuchender illusionär; Rechtslage und praktische Möglichkeiten setzen enge Grenzen.

Vorrang hat die  Reduzierung des Migrationsstroms. Deshalb sollen die Kriegsflüchtlinge im Nahen Osten möglichst in der Region verbleiben. Dazu erhalten die Türkei, Jordanien und der Libanon mit Hilfe der Vereinten Nationen (UNHCR) Unterstützung für die Versorgung der Flüchtlinge (neben Nahrung, Unterbringung, medizinischer Betreuung und Sicherheit sollen auch Schulbesuch und Arbeitsplätze gefördert werden.). Am 18.03.2016 wurde ein entsprechendes Abkommen zwischen EU und Türkei geschlossen. Dessen Hauptnutzen liegt indes in der Unterbindung des Schleuserwesens in der Ägäis durch die türkischen Behörden. Stabilität und Dauerhaftigkeit des Abkommens sind angesichts der politischen Spannungen zwischen EU und Türkei nicht zu beurteilen.

Vor und parallel zu dem EU/Türkei-Abkommen haben mehrere EU- und Nicht-EU-Staaten nationale Sperrmaßnahmen in Kraft gesetzt und damit erreicht, dass Massenmigration über die Balkan-Route derzeit nicht möglich ist. Vorherige politische Kritik, wonach nationale Maßnahmen unnütz und europapolitisch schädlich seien, wurden durch die Praxis widerlegt.

Um ungeregelte Zuwanderung zu verhindern, sind künftig die Grenzen des Schengen-Raums wirksam zu sichern. Die eingeleitete, aber schleppende Ertüchtigung von FRONTEX reicht dazu bei weitem nicht aus. Vielmehr müssen für die Mittelmeerrouten internationale Steuerungs- und Rücknahmeabkommen erreicht werden und zwar mit afrikanischen Staaten von der Mittelmeerküste bis südlich der Sahara. Hierzu wurden vielfältige Aktivitäten der EU sowie von betroffenen EU-Mitgliedsstaaten angekündigt oder begonnen. Dies alles scheint jedoch zu versanden. Die zuletzt wieder unsichere Lage in Libyen vertieft die Skepsis. Die Kontrolle der libyschen Küste bleibt aber ein Schlüssel für den Kampf gegen das Schleuserunwesen; von EU (und NATO) wurde bisher versäumt, die illegale Migration zu einer Frage der nationalen bzw. Bündnissicherheit zu erklären und sich damit Handlungsfreiheit gegen die Schleuser zu verschaffen. Hierbei kommt es vor allem darauf an, Schleuser an Herstellung, Handel und Instandsetzung von (Schlauch-) Booten zu hindern und auch die Bergung benutzter, auf See treibender Boote zu unterbinden. Inwieweit dies konfrontativ oder kooperativ mit libyschen Autoritäten zu erreichen wäre - ggf. zunächst mit modernen Mitteln von See aus - wurde bisher nicht versucht. Es wird Zeit, die organisierte Schleusung in der Großen Syrte zu beenden.

Als wichtiger Ansatz zur Migrationsreduzierung wird die Beseitigung von Fluchtursachen gesehen, einschließlich der Herstellung innerer Sicherheit von afrikanischen Staaten (insbes. Mali) durch militärische Intervention. Die Vorstellungen hierzu werden von einer politisch-humanitären Fehlhaltung überlagert: Eigene Betroffenheit, faktische und emotionale, inspiriert Forderungen, wie “wir” die Probleme lösen sollten. Das geht an deren Dimension, unseren Möglichkeiten (und denen der EU) sowie der politischen Realität in den Herkunftsländern der Flüchtlinge vorbei. Immerhin handelt es sich um souveräne Staaten mit anerkannten Regierungen. Wir müssen vielmehr pragmatische, evtl. nur temporär wirksame Projekte bzw. Maßnahmen entwickeln. Die Gewährleistung humanitärer Verhältnisse nach deutschen Standards ist dafür ebenso wenig Voraussetzung wie die Verwirklichung ambitionierter entwicklungspolitischer Ziele; entscheidend ist die Begrenzung der Fluchtbewegungen nach Westeuropa (Was trägt das Entwicklungsministerium von Minister Müller dazu bei?). Eine Lösung zeichnet sich nicht ab!

Eine Lebenserfahrung hat sich 2015 dramatisch bestätigt: Wehret den Anfängen. Man sollte das Heft in der Hand behalten und eine Krise sofort eindämmen! Ebenso gilt aber: Die Überwindung der Krise muss an der Stelle ansetzen, bis zu der sie sich entwickelt hat. Mit anderen Worten: Deutschland muss die Integration von Flüchtlingen in Millionen-Größenordnung bewältigen.

Das jetzt und mittelfristig Machbare lässt sich großenteils berechnen, für die Bildung (Kita bis berufliche Ausbildung), den Wohnungsmarkt und den Arbeitsmarkt.

2015 sind zwischen 200.000 und 300.000 Kinder zugewandert; jedes Jahr kommen Zigtausende hinzu. Bei einer Klassengröße von 15 gibt es einen geschätzten Bedarf an 20.000 Lehrkräften zusätzlich; dazu kommt die Sprach- und Berufsausbildung von Erwachsenen. Dies ist nicht auf der “Ideallinie”, sondern nur mit Kompromissen und Rückwirkungen auf die deutschen Schüler zu schaffen.

Der 2015 bundesweit geschätzte Bedarf von 340.000 zusätzlichen Wohnungen ist vor 2020 keinesfalls realisierbar, auch nicht mit einem Rückgriff auf Wohnraum, der sonst der einheimischen Bevölkerung bereitgestellt werden könnte und von ihr benötigt wird (So wurden 2018 bundesweit ca. 28.000 Sozialwohnungen gebaut, der Bestand an solchen Wohnungen geht daher zurück). Mit der laufenden Zuwanderung wird der Bedarf weiter gewachsen sein (keine Zahlen bekannt).

Nach anfänglich optimistischen Äußerungen zur Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarktes und zur Qualifikation bzw. Qualifizierung von Flüchtlingen ist klar, dass es bei der beruflichen Integration um eine Generationenaufgabe geht (siehe oben).

Trotz politischer Beschwichtigung: Es gibt Verdrängungseffekte für die ansässige Bevölkerung! Sie wirken sich auf die schulische Bildung, die Verfügbarkeit einfacher Berufsangebote, auf kostengünstige Sozialleistungen und bezahlbaren Wohnraum aus. Wegen der enormen Kosten als Folge der bisherigen Migration nach Deutschland wird der Investitionsbedarf von Bund, Ländern und Kommunen nicht in vollem Umfang gedeckt werden können.

III. Auf die Flüchtlingskrise war Deutschland nicht vorbereitet. Maßgeblich war ein politisches Defizit: Die Globalisierung muss nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sicherheitspolitisch besser verstanden werden. Die Konflikte im Nahen Osten und in Nordafrika wurden zur Hauptursache für die massenhafte Zuwanderung nach Deutschland. Sie waren von uns (und der EU) nicht zu verhindern. Wir müssen Krisen jedoch frühzeitiger erkennen und ihre Konsequenzen systematisch abschätzen (Daran mangelte es schon beim russischen Vorgehen gegen Georgien 2008, später im Fall Ukraine und auch bei der jahrelangen Fehleinschätzung des Afghanistan-Einsatzes als Nicht-Krieg.).

Künftig muss eine systematische und kontinuierliche Beurteilung der Sicherheitslage durch die Bundesregierung gewährleistet sein, einschließlich einer vorbehaltlosen Risikoabschätzung: Eine integrierte Analyse, die regelmäßig und ressortübergreifend beschlossen wird. Anscheinend gibt es im Bundessicherheitsrat keinen solchen Prozess!

Besonders kritisch war der (immer noch zu beobachtende) Unwille, sich nüchtern mit der Massenzuwanderung auseinanderzusetzen. Aber: Es gehört zu den Kernaufgaben des Staates, die Zuwanderung nach Umfang (Staatsziel) und Zustrom (ordnungsgemäße Aufnahme) zu regeln. Die konsequente Kontrolle und Steuerung der Migration ist dabei das Eine, in welchem Umfang Deutschland und EU sie legal zulassen, das Andere. Was die EU anbelangt, müssen wir Vernunft walten lassen: Wir können unsere Politik anderen Mitgliedstaaten nicht einfach überstülpen. Die EU ist nur insoweit in Anspruch zu nehmen, als dies in Verträgen geregelt ist.

Ferner Bürgerkrieg und dadurch ausgelöste Migration kann direkte Wirkungen bis in unsere Sozial- und Gesellschaftsordnung haben. Deutschland wird sich aufgrund der massiven (muslimischen) Zuwanderung verändern (Prof. Lammert, seinerzeit Bundestagspräsident). Dies darf nicht ungeregelt ablaufen, sondern muss gestaltet werden. Man kann die Integrationsaufgabe nicht dezentralen Initiativen, etwa auf Gemeindeebene, oder den individuellen Werdegängen von Flüchtlingen überlassen; Teillösungen wie Sprach- und Integrationskurse reichen nicht aus. Auf die Herausforderung millionenfacher Integration muss der Bund als Ganzes reagieren und die Steuerung übernehmen. Dies muss sich auf beide Seiten, die Migranten und die sie aufnehmende Gesellschaft, richten. Fixpunkt für die Gestaltung der Integration muss der Erhalt des humanistischen Erbes sein, wie es sich in unserer Rechts- und Gesellschaftsordnung widerspiegelt. Mit der Absicht, ein Integrationsgesetz zu schaffen, hat die Bundesregierung ihre Steuerungsfunktion offenbar anerkannt. Das am 31.07.2016 dazu erlassene Bundesgesetz ist ein pragmatisches Artikelgesetz, aber es muss fortentwickelt und durch weitergehende Regelungen ergänzt werden, vor allem mit Blick auf die sich abzeichnenden gesellschaftlichen Veränderungen. Denn was heißt: “Deutschland wird sich verändern?”

Juli 2018: Gehört der Islam zu Deutschland?

1. Behauptung: Deutschland ist christlich-jüdisch geprägt.

Dieser Bezug auf das Judentum ist schwer verständlich und nur aus der Entstehungsgeschichte des Christentums gerechtfertigt (Altes Testament). In Deutschland waren die Juden eine missachtete, nicht dazugehörige, in schlimmen Zeiten auch unterdrückte und verfolgte Minderheit. Trotz der jüdischen Impulse in Kultur, Wissenschaft und wirtschaftlicher Entwicklung ist die Verknüpfung “christlich-jüdische Prägung” daher Geschichtsklitterung und angesichts ihres Schicksals im Dritten Reich eine unsensible Vereinnahmung der Juden. Edmund Stoiber, seinerzeit bayerischer Ministerpräsident, sprach deutlicher und zutreffend von den “christlich-jüdischen Wurzeln” der deutschen Kultur.

Seit dem 15. Jahrhundert entsteht mit dem Erstarken des Bürgertums, der kulturellen Rückbesinnung auf die Antike (Griechenland, römisches Reich) und dem Fortschritt der Wissenschaft der “Humanismus”. In der wechselvollen Geschichte folgender Jahrhunderte verbreiten sich humanistische Vorstellungen  - teils parallel zum christlichen Glauben, teils im Gegensatz dazu - und bestimmen bis heute zunehmend unsere Kultur und Politik. Gleichwohl prägt das Christentum bis Anfang des 20. Jahrhunderts gesellschaftliche Verhaltensweisen und Regeln. Mit dem Nationalsozialismus folgt der historische Bruch in der kulturellen Entwicklung unseres Landes. Nach dem Zweiten Weltkrieg geht die formalrechtliche Bindung an das Christentum zurück - vor 70 Jahren gehörten 90% der Deutschen den christlichen Kirchen an, heute sind es 54% - und das kirchliche Leben wird ärmer: In zwei Jahren (2017/18) verloren die  Kirchen 1 Million Mitglieder.

Der Humanismus wirkte auch auf die christliche Lehre ein. So gehört die (lutherische) Reformation zur  humanistischen Entwicklung, als sie die unmittelbare Verantwortung des Gläubigen vor Gott in den Mittelpunkt rückt. Einer priesterlichen “Vermittlung” zwischen dem Gläubigen und Gott bedarf es demnach ebenso wenig wie einer (päpstlichen) Zentralinstanz der Kirche. Die “katholische Soziallehre” verbindet im 20. Jahrhundert christliches und humanistisches Denken als Reaktion auf den Kapitalismus: Die Wirtschaft soll dem Gemeinwohl dienen, die Gesellschaft soll sich solidarisch verhalten, die kleinen Initiativen und Unternehmungen sollen vor den großen Einheiten (Konzernen) gefördert werden.

Die französische Revolution 1789 gilt als eine Explosion des Humanismus; aus ihr entstehen Vorstellungen für künftige Gesellschaftsordnungen und staatliche Politik. Das Motto der Revolutionäre (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) wird dabei oft missverstanden: ”Gleichheit” geht über die Gleichheit vor dem Gesetz und die Gleichberechtigung hinaus; sie war eher sozialistisch gemeint. “Brüderlichkeit” drückt den Wunsch nach dem Zusammenleben in einer idealen Gesellschaft aus: ein politisch-emotionaler, kein rechtlicher Begriff. Sozialismus und Kommunismus sind legitime Abkömmlinge der französischen Revolution, wobei die “Freiheit” des Einzelnen im späteren Marximus/Leninismus verloren geht.

Liberalismus und Atheismus sind ebenso Ausprägungen des Humanismus, auch sie finden Nährboden in der Ideenwelt der französischen Revolution. Der Humanismus insgesamt, mit seinen Einflüssen auf die christlichen Religionen, als Atheismus, in Form des Sozialismus oder Liberalismus, hat Deutschland in der Neuzeit mehr bewegt und auch nach vorn gebracht als die christliche Heilslehre. Deshalb gilt: “Deutschland ist von Christentum und Humanismus geprägt”; dazu gehört der früher öfter gebrauchte Begriff vom “christlich-humanistischen Erbe”.

2. Behauptung: Der Islam ist mit dem Grundgesetz und unseren Gesetzen nicht vereinbar.

Der Koran, wie die Bibel im Christentum, ist Schlüssel zum Verständnis des Islam und in deutscher Sprache verfügbar. Trotz klarer historischer und theologischer Bezüge und Übereinstimmungen, die es zwischen den monotheistischen Religionen der Juden, Christen und Muslime gibt, grenzt sich der Islam bewusst und auch mit Verachtung/Entrüstung von Juden- und Christentum ab. Der Gegensatz ist nicht allein theologisch zu verstehen, sondern erklärt sich auch historisch aus den politischen Konflikten des Nahen Ostens im 7. Jahrhundert. Ähnlich den mittelalterlichen Herrschaftsverhältnissen im christlichen Europa, kommt es in der islamischen Welt bis heute zu einer Umsetzung des Glaubens in staatliche Politik. Eine besondere Stoßrichtung zielt dabei auf Israel und bedroht dessen Sicherheit. Dies betrifft uns rechtlich insofern, als wir nach Art. 25 des Grundgesetzes den allgemeinen Regeln des Völkerrechts verpflichtet sind - sie garantieren das Existenzrecht Israels.

Von gläubigen Muslimen wird der Koran nicht nur als das wahre Wort Allahs begriffen, sondern auch über weltliche Gesetze gestellt. Wie im mittelalterlichen Deutschland stellt sich die Frage, wer die höchste Macht ausübt - die geistliche oder eine weltliche Autorität. Die Auffassung, dass der Koran Vorrang habe und das Leben bestimmen müsse, ist ein offener Anspruch islamischer Religionsführer. Das im Islam angelegte Konfliktpotential für unser Zusammenleben mit gläubigen Muslimen ist unbestreitbar, ergibt sich jedoch nicht zwangsläufig aus dem Koran-Text selbst, sondern aus davon abgeleiteten Schriften und Regeln (ähnliche Systematik im Christentum; kirchliche Lehre interpretiert die Bibel und setzt konkretere Regeln). Am deutlichsten wird das Konfliktpotential in der Scharia (nicht Teil des Korans) und beim islamischen Frauenbild.

Gläubige Muslime fühlen sich herausgefordert, wenn der Koran als göttliche Wahrheit angezweifelt wird. Dies ist hier nicht zu kommentieren; allerdings existieren im Islam unterschiedliche Interpretationen, wie der gegensätzliche Wahrheitsanspruch von Schiiten und Sunniten beweist. Und Vertreter der in Deutschland lebenden Muslime weisen in Diskussionen über den islamistischen Terror auf die friedvollen Bestimmungen im Koran hin, wenngleich sich darin auch die Aufforderung zum gewaltsamen Kampf gegen die Ungläubigen findet. Inwieweit die Muslime zu einem gemeinsamen Verständnis des Islam kommen können, mit dem sie sich widerspruchsfrei unserem Recht unterordnen, ist noch unklar. Jedenfalls ist diese Unterordnung eine aktuelle Bringschuld der Muslime: Das Grundgesetz geht vor und zwar in allem und man muss sich darin fügen.

Theologie und Praxis sind verschiedene Dinge: Was theologisch unvereinbar ist, kann sich im täglichen Leben auflösen. Es gibt dazu Schätzungen, wonach lediglich ein Drittel der 4,5 Millionen bei uns lebenden Muslime ihren Glauben täglich praktiziert und - ähnlich wie bei den christlichen Gläubigen - eine Entwicklung zur Verweltlichung des Lebens (Säkularisation) stattfindet. Für diese Einschätzung spricht, dass etwa 40% der muslimischen Mitbürger die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen und etwa 75% seit mehreren Jahren und länger in Deutschland leben. Das besagte theologisch-politische Konfliktpotential zwischen dem Islam und unserer Lebensweise hat für die meisten hier lebenden Muslime keine entscheidende Bedeutung (Anmerkung: Wechselwirkungen zwischen türkischer Politik und Türkischstämmigen in Deutschland haben eher mit nationalen Emotionen zu tun. Ihnen wäre mit entsprechenden Argumenten zu begegnen.).

3. Behauptung: Hier lebende Muslime gehören zu Deutschland, ihr Glaube nicht.

Dies kollidiert mit Art. 1 Grundgesetz, wonach die Würde des Menschen unantastbar ist. Bei der Aufenthaltsgenehmigung wie bei der Einbürgerung ist keinem Muslim eine Erklärung abverlangt worden, in der er sich von seinem Glauben distanziert. Vielmehr akzeptiert das Grundgesetz den Glauben als Teil der individuellen Persönlichkeit. Es gewährt Glaubensfreiheit; der Islam darf hier praktiziert werden, Moscheen sind erlaubt und existieren; in Schulen wird über den Islam unterrichtet. 5 bis 7% der Bevölkerung sind muslimisch; ein Teil davon lebt in zweiter oder dritter Generation bei uns - mit der persönlichen Bindung an den Glauben. Auch wenn der Islam Deutschland in unserer über tausendjährigen Geschichte nicht geprägt hat, wie immer wieder erklärt wird - heute ist er da und er bleibt: Nicht als eine abstrakte Macht, sondern mit den Menschen, die sich zu ihm bekennen. 

Es ist klar, dass Konflikte zwischen islamischen Glaubensvorstellungen und unserer Rechts- und Gesellschaftsordnung gelöst werden müssen und zwar durch konsequente Anwendung der Gesetze, Eingliederung der bei uns lebenden Muslime in unser Bildungssystem und vielfältigen Dialog. Denjenigen, die auf Dauer bei uns leben wollen und womöglich die Staatsbürgerschaft anstreben, dürfen wir abverlangen: “Es ist unser Land und ihr müsst nicht nur bei, sondern mit uns leben.” Eine Selbstverständlichkeit, die sich inzwischen mit der Forderung verbindet: “Der Islam hat Deutschland nicht geprägt und soll es auch künftig nicht”;  dies wird die öffentliche Debatte noch befeuern. Aber alles braucht seine Zeit, die Durchsetzung des Rechts ist dabei das sofort verfügbare Mittel, um Klarheit zu schaffen und den Rechtsfrieden in der gesamten Bevölkerung zu wahren.

Versuche, die Debatte über den Islam auf die starke Zuwanderung von Muslimen in den letzten Jahren oder den islamistischen Terror zu konzentrieren, erscheinen unredlich. Wie gesagt: Die meisten Muslime leben seit vielen Jahren oder Jahrzehnten unter uns und auch ohne anhaltende Migration wird die Zahl der Muslime im Verhältnis zu den christlichen Bürgern zunehmen. Befürchtungen im rechten politischen Spektrum, dass der Islam unser gesellschaftliches Leben zunehmend bestimmen wird, erscheinen dabei oft engstirnig und durch falsche Vorstellungen vom Nationalstaat geprägt: Man erinnere sich an frühere Zuwanderungen, mit denen die Industrialisierung Deutschlands vorangebracht wurde. Auch heute sollte man beides, Risiken und Chancen, sehen. Unsere eigentlichen Probleme sind die Demographie (niedrige Geburtenrate deutscher Frauen) und vor allem die schwindende Überzeugungskraft der christlichen Kirchen (versäumte Modernisierung und Verweigern inhaltlicher Erneuerung). 

Rechts vor links ?

(Stand 07.2017, rev. 12.2017/10.18) Neben dem bei uns eher emotional als rational geführten Kampf gegen Rechts kann medial nur der Kampf gegen den islamistischen Terror bestehen. Klar, denn dieser Terror hat in unserem Land und international zahlreiche deutsche Opfer gefordert, nicht zuletzt im Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Dagegen geriet die terroristische Bedrohung durch Linksextremisten bei den deutschen Medien aus dem Focus; in der Tagespolitik wurde sie nur beiläufig als Ziel der Extremismusbekämpfung erwähnt. Bundesministerin Schwesig (SPD) erklärte 2014 dazu, dass “Linksextremismus ein aufgebauschtes Problem” ist; sie war seinerzeit für Jahresprogramme in der Größenordnung von 50 Mio Euro zur “Extremismusprävention und -bekämpfung” verantwortlich. Diese Millionen wurden gegen den Rechtsextremismus eingesetzt, die Mittel gegen Linksextremismus gestrichen.

Der Gipfel

Die Hamburger Polizei hat bei ihren jährlich wiederkehrenden Einsätzen gegen Linksextremisten viel von dem erlebt, was beim G-20-Gipfel im Juli 2017 erwartungsgemäß eine weitaus größere Dimension erreichte. Das Schanzenviertel (Theaterruine “rote Flora”, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen als “Kulturzentrum” bezeichnet) und der Bereich Hafenstraße gelten als tolerierte Stützpunkte linker Extremisten, spätestens seit sich der ansonsten verdiente 1. Bürgermeister der Stadt, von Dohnanyi, 1988 nicht traute, das Hafenstraßen-Problem (unrechtmäßig besetzte Häuser, verschanzte Chaoten) tatkräftig zu lösen. Diese “Szene” ist international vernetzt und hat die Mobilisierung auswärtiger Politaktivisten unterstützt, die u.a. mit einem Sonderzug aus Basel am Hamburger Hauptbahnhof ankamen.

Was während des G-20-Gipfels in Hamburg als linker Terrorismus zu sehen war, hat zwar bei weitem nicht zum Umsturzversuch gereicht, aber es war eine Erprobung des Möglichen, wobei die Schwelle zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen punktuell erreicht wurde. Polizeikräfte aus ganz Deutschland in Stärke von - militärisch umgerechnet - zwei Divisionen haben nicht ausgereicht, um die Lageentwicklung jederzeit und überall unter Kontrolle zu bringen: Ein selbstverständlicher Anspruch des Bürgers an seinen Staat!

Angesichts der terroristischen Bedrohungslage während des G20-Gipfels war das großenteils konsequente Durchgreifen der Polizeikräfte richtig, aber ihr letztlich defensives Einsatzkonzept griff “strategisch” zu kurz. Es ist im Einsatz unerlässlich, die Initiative zu gewinnen und zu behalten.

Öffentliche Ankündigungen aus linksextremistischen Kreisen, Erkenntnisse zu deren Kommunikation und Organisation mussten weit vor dem Gipfel Schlimmes befürchten lassen; die konsequente Einschaltung der Gerichte zur Durchsetzung maximaler Versammlungsfreiheit war dazu ein weiteres Indiz. Gleichwohl war die Initiative der Sicherheitsorgane zu Beginn der Demonstrationen schon verloren. Beispielsweise hatten die Terroristen an mehreren Stellen Ausrüstung verdeckt deponiert, um sich schnell vermummen sowie mit Werkzeugen und Brandmitteln ausstatten zu können. Sie tauchten überraschend als Demonstranten auf (schwarzer Block); für die beabsichtigten Straftaten brauchten sie kaum noch Vorbereitungszeit.

Am deutlichsten zeigte sich der Verlust an Initiative im Schanzenviertel: Es ist eine Taktik linker Terroristen, die Polizei von Dächern aus mit Pyrotechnik und Wurfgeschossen anzugreifen - so in früheren Jahren im Bereich der “roten Flora” geschehen. Dennoch wurden die Dächer nicht gesichert, so dass Polizeikräfte den Befehl zur Räumung der “Schanze” zunächst nicht ausführten, um sich nicht in Lebensgefahr bringen. Terroristen und Mitläufer nutzten die Zeit bis zum Eintreffen von Verstärkungen zur Errichtung brennender Barrikaden und zu Plünderungen. Offenbar haben zwei Faktoren zu dieser Lage geführt: Erstens eine Einschätzung von Verfassungsschutz und Polizeiführung, dass die linken Chaoten die Schanze - ihre eigene “Operationsbasis” - weitgehend verschonen werden; zweitens der Mangel an geeigneten Einsatzkräften. In der Schanze gelang den Terroristen ihr spektakulärster Erfolg.

Die Bilder von den Auseinandersetzungen sind erschreckend, geben die Situation aber verfälscht wieder. Hierzu ganz klar: Die Sachschäden waren stellenweise beträchtlich, insgesamt aber deutlich begrenzt, wobei die Betroffenen dies naturgemäß anders beurteilen. “Hamburg in Flammen”, “Hamburg ein Schlachtfeld” - Schlagzeilen eines fehlgeleiteten Zeitungsjournalismus! Denn: Es gab keine Todesfälle, kein Haus wurde angezündet; die Terroristen haben sich während des Gipfeltreffens auf spektakuläre Aktionen vor den Kameras konzentriert. Die Auseinandersetzung mit der Polizei war der Schwerpunkt; die Staatsmacht sollte getroffen werden und das gelang. Der Skandal liegt nicht im angerichteten Schaden, sondern - als ob es die RAF nie gegeben hätte - im langjährigen politischen Versagen gegenüber extremistischen Gewalttätern, die heute den Aufstand gegen Demokratie und Rechtsstaat proben und dies selbstbewusst ankündigen.

Nachtrag: Bis heute (Sommer 2019) wurde eine Reihe von Straftätern verurteilt und die (auch internationalen) strafrechtlichen Ermittlungen dauern an; darüberhinaus sind politische und rechtliche Konsequenzen nicht erkennbar.