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Glosse 1.15

Stand 22.05.2015

Politisch korrekt

Am 1. September 1945 telegraphierte General MacArthur an Präsident Truman, dass er am nächsten Tag mit den “yellow bellied bastards” (gelbbäuchigen Bastarden) zusammenkommen werde, um die japanische Kapitulation zu besiegeln, und ob es dazu letzte Instruktionen gebe. Truman antwortete sofort. Nach der Gratulation zum Erfolg MacArthurs tadelte er dessen Sprachgebrauch als politisch unkorrekt. Auf die Rückfrage, was der Präsident damit meint, ließ der folgendes Telegramm senden:

“Political correctness is a doctrine, recently fostered by a delusional, illogical minority and promoted by a sick mainstream media, which holds forth the proposition that it is entirely possible to pick up a piece of shit by the clean end!”

Die Übersetzung ist nicht einfach, aber so kommt sie dem Sinn nahe: Es handelt sich um eine Doktrin, die in jüngster Zeit von einer abwegigen, unlogischen Minderheit gepflegt und von kranken Massenmedien gefördert wird, und die es mit der Vorstellung hält, es sei ganz und gar möglich ein Stück Mist an seinem sauberen Ende aufzuheben.

Auch Präsidenten machen Späße und man kann sich denken, dass Truman seinen Frust über die öffentliche Berichterstattung ausdrücken wollte. Ob er des Pudels Kern ganz getroffen hat, ließe sich nur sagen, wenn man sich mit den Zeitumständen, dem Sprachgebrauch und konkreten Vorgängen näher befassen würde. Aber unsere eigenen Erfahrungen mit der “political correctness” erlauben eine zutreffende Charakterisierung.

“Politisch korrekt” wirkt wie ein Gütesiegel, das weiteres Nachdenken überflüssig machen soll. Das Urteil “politisch unkorrekt” kann ein scharfes Schwert sein - anti-liberal, auf Beeinflussung des Denkens und Einschränkung der freien Meinungsäußerung gerichtet, unter dem Vorwand der Toleranz intolerant gegenüber Abweichlern, als moralische Keule und falsches Gutmenschentum. Je mehr “political correctness” um sich greift, desto mehr erwachsen daraus Risiken für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die kulturelle Entwicklung und die demokratische Willensbildung in der Politik.

Im Zusammenhang mit dem diesjährigen Tsunami öffentlichen Gedenkens an die beiden Weltkriege hat der bekannte Historiker Prof. Wolffsohn (bis 2012 Bundeswehr-Uni München) scharfzüngig kritisiert, dass man dabei statt Gedankenfreiheit zu oft “Gedankenfeigheit” findet - eine Beobachtung, die sich auf jeden politischen und medialen “Mainstream” verallgemeinern lässt: Man kann bequem mitschwimmen.

Einer, der sich sogar Kritik am “politisch korrekten” Umgang mit dem Holocaust zutraute und durch heftige Reaktionen aus dem “Mainstream” zunächst ins Abseits geriet, war Martin Walser. Er wandte sich 1998 in der Paulskirche gegen die leichtfertige Instrumentalisierung “unserer Schande”: “Was von dieser Ritualisierung ankommt, ist von der Qualität des Lippengebets.” Was er ausdrückte und auch meinte, kann man nachlesen (Einstieg: Wikipedia) und angesichts einer wiederkehrenden Flut von Fernsehberichten, Filmen und Schauspielen über die NS-Zeit als Mahnung verstehen. In der Menge von - zu oft unausgegorenen, auf einzelne Aspekte beschränkten, unstrukturiert über die verfügbare Sendezeit gestreuten, persönlich gefärbten - Ausstrahlungen droht das Gelungene unterzugehen. Walser sagte schon damals, dass er kaum noch hinsehen mag. So ähnlich wird es vielen gehen und die gewünschte Wirkung wird verfehlt.

Es braucht eine systematischere, dabei auf den Zeitumständen gründende  und periodisch wiederholte Darstellung unserer jüngeren Geschichte, für die insbesondere von den Sendern überzeugend geworben und deren Qualitätsversprechen eingehalten wird. Routine ist da falsch und nicht jeder, der sich daran versuchen möchte, hat die Chance vor einem großen Publikum verdient. Und natürlich ist weniger meistens mehr, wenn man den Zuschauer erreichen will, wie es besonders den öffentlich-rechtlichen Sendern Verpflichtung sein muss. “Fakten, Fakten, Fakten und immer an den Leser denken” hieß der eingängige Slogan eines Wochenmagazins; für den Fernsehzuschauer ist er ebenso angebracht.

“Political correctness” kommt in offenen Gesellschaften ständig vor; sie kann über die Freiheit des Einzelnen siegen und - unser Thema - eine wahrhaftige Traditionsbildung verhindern. Mit der launigen Definition Trumans käme man ihr noch nicht bei,  auch der Mut eines Walsers ist nötig.

 

“Unsere Erinnerungskultur ist zu behaglich geworden.”

“Der Tagesspiegel”, Berlin, am 25.04.2018 zum Umgang mit der NS-Vergangenheit Deutschlands